Umzug im Brutal-Lockdown

Wir machen woanders Zitronenlimonade. Diesmal ohne Dschungel.

Meine Kolumne zieht ab heute nach zitronenblatt.net 🍃 um. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr sie dort abonniert oder mit einem kleinen Lesezeichen verseht.

Ein Blog meiner Italienreise 2016 ist auch noch darauf zu finden. Und viele Zitronen und andere freche Früchtchen.

Das ist vorerst mein letzter Eintrag hier.

Aber es geht natürlich weiter. Lustige Wortschöpfungen reißen nicht ab.

So kündigte eine (Gratis-)Zeitung vor Ostern an: Kommt jetzt der Brutal-Lockdown?

Die Antwort ist: Ja, er kam. Aber es gibt auch weniger „gute“ Nachrichten. Räusper. Ich habe, wie so viele, einen Schritte- und Kilometerzähler auf dem Handy. Mich bringt er trotzdem nicht dazu, nur eine Stufe mehr freiwillig zu steigen.

Unsere Haupt-Freizeitaktivität ist momentan, wie oft gesagt, das Spazieren. Zumindest hier beruhigen wir unser Gewissen und sind über unsere abgehatschten Kilometer und Neuentdeckungen in unserer Stadt froh. Brauchen wir aber nicht zu sein. Denn mein Kilometer-Zähler verrät mir, dass ich 2019 um 1,5 km mehr täglich zu Fuß gegangen bin als in den Lockdown-Jahren (Hilfe, das klingt lange) 2020 und 2021.

Wie gewonnen, so zerronnen.

Das Wetter schmilzt auch den Aprilschnee, es ist direkt warm.

Sprichwörtliche Redewendungen haben es in sich. Kürzlich sprang jemand ein paar Meter von mir entfernt auf und ab, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gesehen zu werden. Treffend war die Beschreibung meiner Freundin später „Er hat ein Theater gemacht“. „Mach nicht so ein Theater!“, wird gesagt. Und wir machen (ein) Theater, um gehört, gesehen, gemocht oder gelesen zu werden.

Und das ist auch gut so. Denn das Theater braucht uns und wir es.

Wir könnten stattdessen aber auch, wie es in der Werbung heißt, Fashion- und Lifestyle-Shopping machen. Ja, wir kaufen uns jetzt den Lifestyle.

Gehst du heute auch lifestyle-shoppen? Ich brauche noch eine große Wohnung im 19. und teures Besteck. Ja, heute shoppe ich den Hipster-Lifestyle und brauche weiße, lange Socken und ein Stoffsackerl für mein altmodisches Rad. Oder doch lieber Gucci-Lifestyle?

In Wahrheit bin ich neidisch und würde auch gerne Lebensstil shoppen. Der Corona-Lifestyle ist übrigens gerade im Angebot.

Ich befürchte aber, ein Lebensstil ist eventuell doch nicht käuflich. Aber sagt es der Werbung nicht, sonst ist sie sad, very sad.

Der Lifestyle im 20. Bezirk, am Hannovermarkt, sagt mir auch zu. Da gibt es nämlich Folgendes zu kaufen, danke M. für diese Information:

Karpfen mit Putzen 5,90
Karpfen ohne Putzen 4,90

Da kamen mir gleich diverse blöde Fragen, die gemeinsam gestellt besonders unsinnig sind:

  1. Putzen Sie auch im 9.?
  2. Haben nicht nur Äpfel, sondern auch Karpfen Putzen/Butzen? (Kennt ihr noch den Ausdruck Apfelbutzen?)
  3. Was ist dieses köstliche Putzen?

Weniger köstlich, dafür umso gesünder, ist mein neuester Kräutertee. Allen Skeptikern sei hiermit gesagt, ich bin mir dessen bewusst, dass der Weg von Wodka-Redbull als Aperitivo in der sizilianischen Bar um 19.00 zu Kräutertee im Wohnzimmer um 19.00 dramatisch ist.

Der Kräutertee ist bitter. Das lässt auf gesund schließen, hoffentlich kein Trugschluss. Trüge mich nicht, o Kraut. (Wo ist das be- geblieben?) Er ist aus Schafgarbe, wobei Althochdeutsch garwe Gesundmacher heißt. Tiere, besonders Schafe wie wir, lieben diese Pflanze.

Zum Abschluss der heute kurzen Kolumne habe ich nun alle Namen der Schafgarbe auf der Wiese der deutschen Sprache eingesammelt. Als Zeichen dafür, dass man viele und fantasievolle Wörter, Bezeichnungen, Synonyme bilden kann und dass vielleicht nicht alles im Leben Fashion & Lifestyle ist. Oh nein, ist Kräutertee etwa doch Lifestyle? Sorte boring? OMG!!! ist alles, was ich dazu sagen kann.

Lateinisch: Achillea millefolium

Andere Namen:
Augenbraue der Venus, Blutstillkraut, Frauenkraut, Frauendank, Gotteshand, Grillengras, Katzenkraut, Margaretenkraut, Achilleskraut, Gänsezungen, Grützblume (naja, schön ist anders), Zangeblume, Feldgarbenkraut, Grundheil, Schafzunge

Quiz: Wie viele Tiere haben sich hier versteckt?

Von Blumen werde ich heute dank des Nach-Oster-Schneesturms-im-Brutallockdown nicht mehr viel sehen, dafür erquicken uns diese Namen.

Bis sehr bald (auf zitronenblatt.net).

Barbara

Die virtuelle Katze fängt den Ohrwurm

Oder: Was das, was wir sagen, uns sagt.

Ein Jahr mexikanisches Bier in Österreich. Und wir beißen in die Limetten. Psychologen sagen, wir schlafen und träumen anders. Länger. Wirrer. Unser Gehirn muss eine neue Welt einordnen. Das ist die Ausrede für meinen heutigen Traum (mein Nachbar Freud würde mir ganz sicher etwas anderes dazu sagen).

Ich gehe in ein Virtual-RealityFitnesscenter, ein sehr cooles, dunkles, mit Graffiti im Cross-Fit-Stil, um ein Verbrechen aufzulösen. Ich trainiere dort und es ist alles wie im echten Leben. Sie machen Kampfsport und trainieren mit Hanteln, eine fällt sogar auf mich und es tut kurz weh. Doch niemand beachtet mich, eigenartig. Als ich hinausgehe, also aussteige, sehe ich, dass ich eine rote Katze war. Ich hatte den Katzen-Filter bzw. -Avatar unabsichtlich gewählt und das fanden die Trainierenden nicht so spannend, was schließlich für meine Ermittlungen (?) vielleicht hilfreich war.

Klingt fast nach Science-Fiction-Film eines Regisseurs auf Drogen. Ich bin unschuldig, meiner war ein Keksrausch. Keks, nicht Koks. Wir vermissen dich sehr, Falco.

Im (amerikanischen) Film wurde kürzlich gesagt „Auf Deutsch sagt man Ohrwurm dazu.“ – ein sehr schönes sprachliches Bild des Deutschen.

Diese Knallhart-Maßnahmen drohen jetzt in der Ost-Region.

Die Schlagzeile der heutigen heute. Ich finde dieses Kompositum Knallhart-Maßnahmen super. Wir liken es. Nachgelesen, was heute.at vermutet, das sie sein können, habe ich nicht, da ich wahrscheinlich in etwa genauso gut wie die Redakteure irgendetwas daherraten kann.

Ich werde fast noch sarkastisch, wofür ich mich fast entschuldige.

Zurück zur Sprache im Film. In einer US-Komödie wurde eine polnische Frau sympathisch und klischeehaft (hübsch, immer gut gelaunt, blond, heiratet wegen Visum ohne richtige Englischkenntnisse) dargestellt. Sie verspricht sich und ihr Mann sagt: „Ihr Deutsch ist noch nicht so gut.“ Na dann!

Abgesehen davon, dass ich an ihrer Stelle den lieben Gatten nicht angelächelt hätte, kam mir eine Frage: Wird in dieser Filmwelt in Nordamerika Deutsch gesprochen? Ging die Wahl: „offizielle Sprache Englisch oder Deutsch?“ damals doch knapp für Deutsch aus? Wer weiß nicht, dass Filme synchronisiert werden? Ging sich „unsere Sprache“ mit den Lippenbewegungen nicht aus? Wäre Englisch richtig gewesen? Fragen über Fragen.

Abschließend noch kurz zu Anglizismen, die mir eine Freundin gerade zukommen lassen hat (hat lassen ginge auch):

In einem Workshop kamen von der Vortragenden diese Fragen:

„Gibt es Punkte, mit denen ihr gestruggelt habt?“ Meine Antwort darauf ist: Wie wäre es mit gestrudelt?

„Der Benefit der Impfung ist da.“ Benefit, kein Malefit und auch kein Cross-Fit.

„Also gut, zu meinem Background…“ Bitte nicht! Meint sie den einstellbaren Skype-Hintergrund, ihre Wohnzimmerwand oder etwa ihren amazing international background, den sie sich dank Netflix und Instagram mit Anglizismen-go-go zugelegt hat?

Zum Abschluss noch zwei hübschere Gedanken für diese Zeit:

„Aufgeben tut man nur einen Brief.“ (Gerda Rogers aus den ö3-Sternstunden und gekannt von Wiener Omas)

Und:

„Das tollste Lokal der Welt ist nur ein leerer Raum ohne die Menschen, die es ausmacht.“

(Mein Gedanke zu angesagten Restaurants und Lokalen und unseren im Nachhinein absurd wirkenden Präferenzen Prä-Mexikanisches-Bier. Ich vermeide ab jetzt dieses Wort sowie die inflationären Neubildungen mit dem Wort TEST, also Teststraße, Test-Kit, um keinen Augen- oder Gedankenwurm zu erzeugen).

Apropos Ohrwurm: In der Philosophie-Runde auf ORF 2 letzte Woche, in der es leider viel mehr um Politik als um Philosophie ging und das einzig Interessante in den ersten fünf Minuten gesagt wurde, wurde etwa 20 Mal das Wort Ambivalenz bzw. ambivalent gesagt, bis mir die ambivalenten Würmer in den Kopf krochen.

Sicher, ich mag das Wort auch sehr und habe es liebend gern mit vierzehn mein erstes Mal Verliebtsein beschreibend verwendet und dazu passend das Lieblingslied torn von Natalie Imbruglia gehört.

Jetzt sehe doch auch ich sie, diese Ambivalenz!

Schöne Woche und haltet die Osterhasenohren steif! (Idee abgekupfert vom Schönbrunner Ostermarkt, der leider nicht stattfinden darf.)

Barbara

Sprachlich Kurioses zum Lachen oder Weinen

Freude ist da, wo du bist: zu Haus!

Mittlerweile hat es, man sieht es an meinen vielen Beispielen, auch die Werbung mitbekommen. Wenn wir gerade nicht spazieren, shoppen oder in Nickelsdorf an der Grenze zur Einreise nach Österreich warten, sind wir ständig zu Hause. Die Werbung versucht uns das Heim mit den eigenartigsten Sprüchen schmackhaft zu machen. So auch die Möbelfirma mit einem alpinen DJ aus Maturareise-Zeiten (ohne Zwei-Meter-Abstände) und Neon-Leuchtstangen (bitte, ich könnte sie für unser Taekwondo-Stock-Training gebrauchen), wo es da heißt: „Freude ist da, wo du bist: zu Haus‘!“ und „Zusammen in der Küche kochen ist auch sehr nett!“ Ja, sehr.

Auch im Fernsehen: um 14 Uhr nachmittags CSI: NY/LA/Vegas und neu CSI Cyber. Als ich neben dem Studium auf Kongressen im Austria Center arbeitete, begannen unsere Arbeitstage sehr zeitig, gegen 6:30. Also etwa fünf Stunden vor meiner üblichen Morgenroutine. Dementsprechend verwirrt stolperte ich in den Eingangsbereich. Ich war für eine Personalfirma mit drei Buchstaben tätig. Der Security im Austria Center hielt mich auf. Ich erklärte, vollkommen überzeugt: „Ich bin von CSI“, was erstaunlicherweise auch ihm logisch erschien (wahrscheinlich war er genauso unausgeschlafen) und er ließ mich vorbei. Mir dämmerte erst Minuten später, was ich gesagt hatte.

In einer dieser Serien (Navy CIS diesmal) heißt es um zwei Uhr nachmittags beiläufig: „Ich will noch andere Gründe wissen, warum ihm die Hände abgehackt wurden.“ Ja, wer will das nicht? Es kann ja nicht nur einen Grund dafür geben! Mahlzeit, falls man gerade beim Mittagessen ist. Es beruhigt, dass solche Inhalte zum Nachmittagsprogramm gehören, während nackte Hintern und ganze Menschen (ohne abgehackte Teile) heutzutage ganz allgemein nicht einmal mehr spät nachts im Fernsehen zu sehen sind. Außer in Independent-Produktionen, die es nur in Kombination mit halbstündigen Küchen-Schreianfällen auf Französisch gibt oder – auf der ganz anderen Seite des Spektrums –Bridgeton-Shades-of-Grey-Zuckerwatte-Softpornos.

Dank Homeoffice kann man praktischerweise in der Mittagspause Bildschirmpause machen und den Fernseher einschalten. Aber nur dann, wenn man auch ein Homeoffice hat. Wie gefällt euch Heimbüro? Ich bin für Vorschläge offen, machen wir es wie die Franzosen und deutschen alles ein.

Zwei nette, junge Damen meinten in Hinblick auf ihr Studium ab Herbst in der Straßenbahn zum Thema Kein-Homeoffice-Haben: „Ich will jetzt auch nicht so lange unemployed sein. Busy as usual unemployed, haha.“ Sie bekam einen Lachanfall. Wunderschön, besser könnte man es nicht sagen. Ja, unemployed klingt viel mehr trendy als arbeitslos. Wobei das deutsche Wort für busy sowohl „keine Zeit“-beschäftigt, als auch „bei einem Arbeitgeber beschäftigt“ bedeuten würde. Mit dem Anglizismus wurde aber diese doppelte Bedeutung sprachlich ins Jenseits geschreddert.

Die sympathische junge Dame erzählte dann noch, sie hatte ihren Umzug (in ein Zimmer in Studenten-WG und ohne Möbel) unglaublicher Weise an einem Tag erledigt, nicht so wie andere, denn sie „habe andere Prioritäten!“ Unschuldige Passanten nervende Dinge in der Straßenbahn anhören lassen zum Beispiel.

Zurück ins Homeoffice, in dem wir nicht nur nett kochen und Lieder singen, sondern vor allem auf Bildschirme starren. Und genau dafür hat eine Brillenfirma jetzt eine Werbung in ihrer Auslage platziert:

„Homeoffice-Brillen -50 %“

Was genau sind bitte Homeoffice-Brillen? Extra hässliche Brillen für zu Hause, wo mich mein heißer Bürokollege nicht sehen kann? Oder besonders viele Dioptrien, inklusive KURZ- und Weitsicht-Gläser für unsere ausgedehnte Bildschirmzeit? (Blümel braucht zum Glück keine.)
Handy, Computer, Handy, Fernseher, Computer, Handy, Bildschirme in Öffis, eBooks, Pressekonferenzen, fünf Folge-Satirevideos um sie zu verarbeiten. Spoiler: Ja. Ein Blick auf die Homepage, huch wie altmodisch, Website, verrät: gemeint sind – jetzt kommen schöne Komposita – BILDSCHIRM-ARBEITSPLATZBRILLEN INKL. BLAULICHTFILTER & MULTIKOMFORT-GLÄSER. Also doch auch ein bisschen hässlich zum Zwecke des Multikomforts.

Satire rettet uns momentan durch die Tage und ich danke vor allem Alex Kristan für sehr schöne Wortspiele und Gernot Kulis für die Tränen, die ich lache bei „Schmähhammer, Wahnschober und Co. im Ministerium für Irreres„.

Ich erhielt vor ein paar Tagen einen von zirka sieben täglichen Kurier-Newslettern bei Mail. Ich habe bereits mehrmals versucht, ihn abzubestellen, aber hier verhält es sich wie bei den echten Abos: einmal Abonnent, immer Abonnent. Abbestellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe aufgegeben. So lautete der Text im ++++++ Newsletter-Mail +++++++:

„Studie: Brillenträger stecken sich seltener mit Covid-19 an (Oha! Ich möchte jetzt doch auch eine Homeoffice-Brille um -50 %) + Biontech-Vakzin für Kinder ab 5? (Ist das noch die selbe Studie?)
Die Infektionszahlen verharren auf hohem Niveau. Pro Kopf dürften die Staatsschulden 4.000 Euro pro Kopf betragen.“

Danke für diese Zusammenfassung und die gelungenen Übergänge.

Doch wie Zlatan Ibrahimović auf dem italienischen 5-Tage-Musikfestival Sanremo in einer etwas wirren, pädagogisch-philosophischen zehnminütigen (!) Rede an ein Publikum von (bald mit Bointech durchgeimpften) Dreijährigen beruhigend auf Italienisch (mit einem nicht-sehr-schwedischen Akzent) meinte: „Wenn Zlatan Fehler macht, kannst auch du Fehler machen.“

Mit diesen Worten wünsche ich eine schöne Woche, viel Spaß mit euren Neonstangen, Koch-Abenden, CSI-Folgen und multikomfortablen Fußballern.

Barbara

Wenn Hochstapler dekadente Kekse essen

Von praktischen Germanismen und der wunderlichen Werbesprache

Heute bin ich an dem Werbeschild einer Partei vorbeispaziert, das mich grausen ließ (nicht wegen seines Inhalts):

Frauen.
Krisenmeisterinnen.

Gut, bis dahin können wir das unterstützen. Auch wenn das Wort Krise aktuell doch etwas inflationär verwendet wird. „Es kriselt“ ist ein sympathisches Verb dazu. „Es kriselt“ als Umschreibung für „Wenn er/sie noch einmal so laut atmet/das Handtuch hinwirft/auf die Gabel beißt/den Fernsehkanal wechselt (und so weiter), rast‘ ich aus.“

Ausrasten ist hier übrigens das genaue Gegenteil von sich ausrasten. So wie umfahren und um-fahren gegenteilig sind. Die Präfixverben des Deutschen haben es in sich.

Doch der Werbespruch geht leider weiter.

Frauen.
Krisenmeisterinnen.
Seit immer.

In mir zieht sich etwas zusammen. Seit? Seit immer? Was ist mit „schon immer“, „immer schon“, „seit der Eiszeit“ usw.? Seit immer. Das ist eine sehr unschöne Umschreibung. Unschön und unsinnig.

Das klingt eher nach Pausenhof in der Schule (gibt es die noch oder wurden sie irgendwann wie das Rauchen für Schüler abgeschafft, weil zwecklos?). „Seit wann stehst du auf Mirko?“ (Wir hätten noch – ungeniert rauchend – „auf DEN Mirko“ gesagt, die Jugendlichen von heute haben diese Artikel vor Namen aber mit ihren Socken gemeinsam abgeschnitten) Antwort: „Seit immer!“ Das ist irgendwie wildromantisch und passt zum Zeitgefühl von Schülern.

Aber auch andere Werbungen sind nicht so schön. Man erinnere sich an „Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“ Nun sprang noch eine weitere (Möbel-)Firma auf diesen (in den Abgrund) fahrenden Zug auf und sie legt einen drauf mit: „Damit zu Hause auch dein Zuhause ist.“ Ja. Ähm. Wie?

Wenn ich zu Hause sage oder denke (gut, spielen wir mit der Gefühlsebene: fühle), kann ich dann einen Ort meinen, der nicht mein Zuhause ist? Vielleicht in einer Welt der Bill Clinton- und Überhaupt-nicht-von-Tirol-nach-Deutschland-außer-unter-diesen-strengsten 71-Ausnahmen-doch-Paradoxons.

Man ist also nach dem Kauf von Möbeln dieses Möbelhauses zu Hause und gleichzeitig auch nicht. Ob man das will, ist eine andere Frage.

Vielleicht sitzen auch Bill, Monica und ein Bayer auf dem neuen Ecksofa zu Hause. Und nicht.

Apropos zu Hause: Bei den langen Winterabenden bietet sich der Verzehr von Keksen an. Lustigerweise gibt es englische Kekse, auf deren Packung decadent cookies steht. Eine sehr interessante Beschreibung!

„Die Kekse waren heute wieder einmal so dekadent!“

Zu dekadent passt auch unser aus dem Englischen eingebürgerte „Snob“. Interessant wird es jetzt, wenn ein Germanismus im Kroatischen im Deutschen mit einem Anglizismus übersetzt wird! Verwirrt? Kein Wunder!

Ein Freund von mir sieht eine kroatische Serie namens „The Paper“ mit deutschen Untertiteln. Es wird in einer Folge gesagt: „Oh, ja, der Kunsthändler und Snob.“ (Schon bei dieser klischeehaften Kombination muss man irgendwie lachen.) – „Genau der.“ Nur, dass im Original im Kroatischen nicht „Snob“ gesagt wird, sondern der Germanismus Hohštapler.

Genau der! Eigenartigerweise wird er aber dann im Deutschen zum Snob.

Ich habe noch mehr Germanismen in der Keksdose. Eines der Nr. 1-Diskussionsthemen sind die Ski-Pisten. Und ein witziger Germanismus hat es diesbezüglich auch ins Französische geschafft:

„Je descends les pistes tout schuss.“ – „Ich fahre die Pisten im Schuss runter.“ Schön wäre es.

Kürzlich hörte ich übrigens bei einem kritisierten TED-Talk in dem YouTube-Video eines Meditations-Gurus…

(Ich brauche ihn leider, ommmmm inhaleeeeeeeee and exhaaaaaaaale, so weit ist es gekommen. Wenn ich noch einmal spazieren gehen muss, raste ich gemeinsam mit dem Kolumnisten des Standards aus und gehe mit diesem Christian wutwandern.)

„In German they have a word for it. They call it the Umwelt.“ Von da an sagte und schrieb dieser Redner andauernd Umwelt und kam sich sehr „gescheit“ dabei vor. Obwohl dafür überhaupt kein Germanismus notwendig wäre.

Ein Trost also. Nicht nur wir haben haufenweise unnötige (ich schätze die, die die Sprache bereichern sehr!) Anglizismen.

In den letzten Jahren bekommen es die Nordamerikaner zurück und werden mit „acho-so-intellektuell-witzigen Germanismen“ überschwemmt.

Aber auch den anderen Sprachen geht es nicht viel besser. In einem portugiesischen Artikel über Corona-Paare (hüstel) steht: „Foi um match num timing fantástico“, conta Patricia. „Es war ein Match mit einem fantastischen Timing“, erzählt Patrizia (okay, Patricia).

Doch es gibt Trost: (in der ZIB zum Thema Kosovo gehört)

„Kurti verspricht einen umfassenden Plan gegen die Korruption.“

Danke, Kurti.

Bitte gib uns auch einen Plan gegen die Corona-Krise, damit wir nicht mehr, gefühlt „seit immer“ zu Hause und in unserem Zuhause wutwandern, arbeiten, dekadente Kekse essen und meditieren müssen.

Ich meditiere übrigens für die Liebe und erhalte seitdem ständig Jobangebote. Tipp eines Freundes: Vielleicht sollte ich für Jobangebote meditieren. Wer weiß, wer oder was dann kommt!

Bill, bist du’s?

PS: Ich gehe natürlich entgegen meiner Drohungen (wem drohe ich damit überhaupt?) trotzdem spazieren, denn momentan heißt es: Mit-Maske-vor-Geschäft-Schlange oder Spazieren die 287846ste. Heute versuchte ich es mit den Blumengärten in Hirschstetten und sie waren zu meiner riesigen Freude: zu. Die Sitzbank davor tat es dann bei angenehm milden null Grad auch. Man könnte fairerweise auch die Bundesgärten wieder zusperren.

Ich vermisse dich.

Er hat mich bonjourt

Die sprachliche Reise zum südlichen Orakel und sprachliche Verwicklungen

Die Verwandtschaft kann man sich, wie wir wissen, nicht aussuchen. Doch wie auch immer sie sein möge, die sprachliche Verwandtschaft ist freundlich und großzügig. Und deshalb widme ich ihr gerne meinen Blog. Sie bietet beispielsweise eine Vielzahl an köstlichen Gerichten: von Kukuruz und Palatschinken über Spaghetti und Powidltascherl bis hin zu Melanzani vs. Aubergine (wir sind hier die Melanzani-Fraktion), Haschee-Hörnchen und Püree.

Wer bis jetzt keinen Hunger bekommen hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Ich habe mich also zum südlichen Orakel begeben. Die schlechte Nachricht vorweg: Es sprach nur Französisch und es konnte mir keine Auskunft zum Ende der Coronakrise geben.

Allerdings erquickten mich französische Strandgespräche. Mutter zu Teenie-Tochter am Zuckerhutstrand in Les Saintes: „Willst du Champagner?“ Teenie-Tochter reagiert mau, Mutter legt sich ins Zeug: „Wir haben einen guten gekühlten Rosé.“ Die Teenager-Tochter ist nicht wirklich überzeugt und lehnt gelangweilt ab.

Typisch Französisch und nicht wirklich unserer Realität.

Man stelle sich nun das Gespräch in einem Wiener Freibad vor. „Sabrina, willst a Cappy? Ist fast noch kalt.“ – „Naa …“ – „Vorn beim Wellenbecken kannst dir ein Wasser nachfüllen.“

Beim Strandurlauben bietet sich natürlich Urlaubslektüre an. Ich konnte es diesmal sogar mit einem französischen Buch aufnehmen, in dem ich einen sehr lustigen Ausdruck fand: „(…) et avait regardé travers le judas.“ Und sie hatte durch den Spion (wir nennen ihn Judas?) durchgesehen. Im Buch ließ sich auch ein lustiger Germanismus finden, den ich bis zum nächsten Mal schuldig bleibe.

An den Abenden sah ich die letzte Staffel Modern Family und Jay Pritchett beruhigte: „I’m not gonna do a big … (Pause) spiel.“ Netterweise sogar mit deutscher (sch-)Aussprache. Ihr werdet mir fehlen.

Während in der französischsprachigen Karibik kaum Corona-Regeln zu beachten waren, erließen zur gleichen Zeit die Italiener eine kreative neue: „Man darf einmal pro Tag zu zweit im Auto einen Verwandten besuchen.“ Wie dieses Einmal-Täglich zu überprüfen ist, bleibt eins der vielen Corona-Rätsel, die in die Geschichte eingehen werden.

Genauso auch, wie man sich in normalen Städten mit einem 2-Meter=1-Faßmann-Abstand zu anderen Bürgern bewegt. Ich habe Ski beim Hervis geklickt und kollektet, bin danach mit öffentlichen Verkehrsmitteln heimgefahren und die fast 2-Meter-Ski dienten theoretisch vorzüglich dazu, sie waagrecht um mich zu drehen, um mir meinen Zwei-Meter-Abstand zu sichern.

Doch es gibt nicht nur Verschärfungen. Wir haben (vor allem für die kulturhungrigen Corona-Demonstranten am Ring, die endlich wieder in die Bibliothek wollen) auch gute Neuigkeiten. Die Museen sperren wieder auf. Und es wird, worauf mich eine Freundin gestern hinwies, glücklicherweise eine Ausstellung zu – ja jetzt ratet mal was? – geben.

Nein. Doch!

Corona!

Wundervoll. Wir gehen also aus dem Lockdown und stundenlangen Impf- und Testdiskussionen ins Museum, um uns eine Ausstellung über den/das/die Coronavirus anzusehen.

Ich bleibe da doch lieber subkulturell bei ATV, in dem bei Teenager werden Mütter (trinken dafür aber keinen Champagner mit den Eltern) von einem der Protagonisten Kevin (mit einer Ex namens Jessica) der schöne Satz fiel: „I hob‘ a neiche Freindin kennenglernt.“

Das ist sehr praktisch, wer würde nicht gerne ihren/seinen neuen Beziehungspartner kennenlernen? Man erspart sich sämtliche Kennenlern-Rituale und das Zusammenkommen und trifft unvermittelt auf bestehende Partner. Fast wie bei arrangierten Ehen, nur noch besser.

Als ich auf der Suche nach Wasser beim Abgang zum besagten Zuckerhut-Strand war, begrüßte mich ein gutaussehender Franzose (der sich nicht als mein Lebensgefährte-im-selben-Haushalt entpuppte), woraufhin ich erzählte: „Er hat mich bonjourt“. Ist völlig harmlos, klingt – wie alles Französische – irgendwie verwerflich!

Apropos Serien- und Filmkultur und ihre Germanismen: Im Horrorfilm Wir spielen Scheren eine Rolle. Und es wird gesagt: the shear of the scissors … (Gemeint waren die Schneiden) Klingt fast Wienerisch, Volksschule Schwarzingergasse in den wilden 90ern: „Gib ma de Schear!“ Mindestens genauso zum Fürchten.

Mit diesen Worten wünsche ich einen schönen Sonntag.

Ich danke für unsere (virtuellen und realen) Gespräche und Treffen, die auf-lock-ern, und bin auf künftige Corona-Rätsel gespannt.

Barbara

Der Zuckerhut-Strand in Guadeloupe

Alte Wörter im neuen Jahr

Die Wiener Alltagssprache ist allzeit bereit.

Das neue Jahr hat viel Bewegung gebracht. Vor allem in Form von gehatschten Kilometern durch Wien. Vom neunten in den dritten Bezirk, vom neunten in den sechsten, zweiten, ersten, wieder ersten. In Außenbezirke (Stichwort Park) und zur Donau mit den Wiener Linien (so weit kommt’s noch, dass ich auch dort zu Fuß hingehe). All das, obwohl ich eigentlich nicht gern spazieren gehe. „Vorteil“: Ich lerne Wien besser kennen.

Ist der Weg lang und mühsam, spricht der Wiener von einem Hatscher, ist etwas unordentlich erledigt, ist es auch hatschert. Hatschert, wie die Diplomarbeit (und auch Doktorarbeit) einer gewissen Politikerin zum Beispiel. Vorgeworfen werden „Plagiate, falsche Zitate und mangelnde Deutschkenntnisse“, mit Plagiaten und schlechten Zitaten könnte ich leben, bei mangelnden Deutschkenntnissen in Publikationen hört sich allerdings der Spaß auf. Zwinker.

Zum Thema hatschen: Ein Klassiker jener Filme, die man zur Weihnachtszeit sieht, ist Die unendliche Geschichte. Hier beantwortet die weise alte Morna, der berechtigterweise prinzipiell alles egal ist, Atreju, wo er Auskunft bekommen kann: beim südlichen Orakel. Auch wir können zu Covid-Vorhersagen in Wahrheit nur das südliche Orakel fragen, niemand anders kann es genau sagen (außer Kurz und Frau Gerda Rogers). Das Problem des südlichen Orakels: Es ist 10.000 Meilen weit weg.

Also wieder hatschen. Nett wäre es aber stattdessen auch zu tanzen, zu sitzen (gemeint sind keine Betonstiegen bei -4 Grad) und fortzugehen. Schade: Momentan gibt es kaum Gelegenheit, sich aufzutakeln. Das bedeutet: geschminkt und hergerichtet unter die Leute gehen. Meistens ist es eher abwertend gemeint und auf Frauen bezogen, natürlich. (Wie übrigens auch ein Großteil der „trendigen“ Schimpfwörter, die sich an Männer richten.) Das Wort auftakeln stammt übrigens aus der Seemannssprache und bedeutet irgendetwas im Zusammenhang mit Segeln (unwichtig, da ich bereits auf einer Luftmatratze seekrank werde).

Da kommt uns ein weiteres Dialekt-Wort in den Sinn: betakeln. Was so viel bedeutet wie jemanden (um Geld) betrügen. Vielleicht steht das auch mit dem Schiffssegel irgendwie in Verbindung, das die Sicht auf die Wahrheit verhüllt.

Oh, chique würde manche ein Portugiese zu einer Segeljacht sagen.

(Jacht sieht direkt falsch aus, weil wir so oft die englische Schreibweise Yacht lesen und sie mittlerweile offiziell sogar auch schon im Deutschen richtig ist.)

Und bei chique denken alle sofort an Paris, Frankreisch und den französischen Lebensstil. Was auch sehr gut passt, keine Frage. Aber – das würde Franzosen gewiss nicht gefallen – wer hat’s erfunden?
Die Deutschsprachigen. Es kommt nämlich vom viel älteren Wort „schicklich“, was bedeutet: etwas gehört sich, etwas „schickt“ sich (nicht).

Schwacher Trost für die Franzosen: Dafür haben wir unseren Schackl (i bin ja net dei Schackl! = Diener) vom französischen Jacques.

Ich warte also auf den Glücksdrachen Fuchur, der mich zum südlichen Orakel fliegt und wünsche für das neue Jahr, dass wir uns alle bald wieder auftakeln, uns nicht betakeln lassen, mehr tanzen statt hatschen und uns mehr Gedanken über das persönliche Glück und das der Nächsten als darüber, was sich (nicht) schickt, zu machen.

B.

PS: Die Wörter des Jahres lauten im Hebräischen übrigens Wattestäbchen, Maske und Quarantäne. Kaum verwunderlich, wobei das Wattestäbchen bei uns noch keinen so prominenten Platz hat. „Das ist alles so 2020,“ könnte man jetzt lästern.

Was wir lieber lesen, sind die lustigsten Wörter des Jahres auf Hebräisch: pupik (Bauchnabel), spannenderweise auch pupak auf Serbisch, wie ich soeben erfahren habe, und gumatz (Kniekehle). Lustige Körperteile mit lustigen Namen. Auf einen guten Platz hat es auch chamamoret geschafft. Der Kater. Nicht der, der miaut (das wäre chatul), sondern der des nächsten Tages. Momentan hat man auch das Gefühl, als wäre Januar 2021 der Kater von 2020. Hoffentlich dauert er nicht mehr sehr lange und wir können bald wieder lustige Wörter des Jahres wählen und denken.

Donau

Es ist fast geschafft, 2020 und der Limonadendschungel

Unübliche Feiertage, die sich nicht nur sprachlich bemerkbar machen

Ihr wisst nicht, was der Limonadendschungel (Soda Jungle) ist? In manchen Fällen vielleicht die eigene Küche voller vorweihnachtlicher Hamsterkäufe plus mitgenommener Speisen und Getränke der lieben Verwandten. Limonaden-, Keks- und/oder Punschdschungel.

Im Spiel: Ihr erreicht ihn, indem ihr das Minzmeer (Sparkling Waters) überquert. Gut, wir leben (noch) nicht in der Welt des Super Mario – trotz des Lockdowns 3.0. Auch in der Super-Mario-Welt darf man sich nicht sorglos anderen Mitmenschen (in dem Fall Schildkröten, Kanonenfischen und Feuerblumen) ohne Abstandsregeln nähern. Man wird „gefressen“.

Da wir (noch, wer weiß, was 2021 kommt) in keiner Zombie-Apokalypse leben, werden wir zum Glück nicht gefressen und schrumpfen auch nicht bei Berührung, müssen aber auch bei unserer Nicht-im-Spiel-Pandemie auf Abstand bleiben. Hoffentlich nicht mehr allzu lange (drei Welten würde ich noch durchhalten, aber nur mit Luigi und Pizza).

Die Übersetzung der Super-Mario-Welten ist, wie man oben sieht, nicht immer wortwörtlich. Diese Art der Übersetzung – an die Kultur und Sprache des Zielorts angepasst – heißt Lokalisierung. Dabei wird in einigen Fällen nicht nur der Text verändert, sondern die Größe, Schriftart, Bilder, Videos, Musik und so weiter, die gesamte Website oder das gesamte Produkt. Auch bei den Asterix-Büchern und -Filmen (ideal für weihnachtliche Nachmittage) und bei den Schlümpfen 유 wurden die Namen lokalisiert und haben in jeder Sprache witzige und unterschiedliche Entsprechungen.

Erinnert ihr euch an die legendäre Serie „Mord ist ihr Hobby“? Das war zugegebenermaßen ein verwirrender Titel. Gemeint ist eher wie bei „Fußball ist sein Hobby“ das Hobby, Spiele vom Sofa oder Pub aus zu kommentieren. „Geh biiiitte! Schiiiiieß! FOUL!!!! ELFMETER!“ bzw. Pendant eigene Mannschaft: „Ball gespielt!!! Geh bitte!!! Gesungen: Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!!“

Die Serie hieß im österreichischen Fernsehen lange „Immer, wenn sie Krimis schrieb“, was vielleicht weniger verwirrt.

Der Dezember ist nun bald vorbei. Zusammen mit dem lieblichen Jahr 2020 und im Januar des kommenden Jahres dürfen wir uns dann freitesten („fun fact“: Die Ziffernsumme von 2020 ist 4, die Unglückszahl in China).

Alle nicken zum Wort freitesten (zustimmend oder ablehnend, falls man ablehnend nicken kann), wissen, wovon ich spreche. Vor einem Jahr wäre (sich) freitesten noch ein Fall für die TV-Sendung „Was gibt es Neues?“ gewesen und nicht einmal Niavarani hätte das Wort erraten.

Wenn ich zu Lockdown-Ende den Coronatest mache und positiv bin, heißt das dann immer noch freitesten oder startete ich nur den Versuch, mich freizutesten (noch wird dieses Wort von meiner Rechtschreibprüfung unterwellt) und teste mich dann gefangen?/in Quarantäne?/nach Hause? Kann man sich auch wegtesten? Ja, indirekt müsste das gehen, wenn im Urlaubsland ein Test verlangt wird. Das erscheint mir momentan die netteste Art der Testung.

Apropos pandemische Wörter. Meine Freundin aus London, die sich gerade in Lissabon befindet, in dem man samstagnachmittags das Haus nicht mehr verlassen darf, verwendet natürlich nicht so inflationär wie der Rest der Welt lockdown, sondern spricht von curfew. Ich musste das Wort erst einmal nachsehen. Es stammt vom französischen couvre-feu (dieser Begriff wird übrigens auch auf der Website der französischen Regierung als Ausgangssperre verwendet). Ursprung: „Feuer abdecken“: eine Glocke wurde abends geläutet, die die Menschen daran erinnern sollte, das Feuer vor der Nachtruhe abzudecken.

A curfew today is a restriction which limits a group of people from being outside their homes past a certain time. The original use of the word however, dates back to the 14th century, where a „curfew“ was an evening bell which warned people to cover their fires for the night, to prevent their homes, and their neighbor’s homes, from accidents.

(MeRriam Webster online)

Im Asterix bei den Briten sagten sie übrigens heute „Polizeistunde“ statt Sperrstunde. Man will es nur gesagt haben.

Was uns trotz des Ausgangsverbots bleibt, sind, wie oft erwähnt, endlose Spaziergänge. Gestern war ich (nicht ganz als einzige) auf dem Kahlenberg und dem Leopoldsberg unterwegs. Da ich in kein eigenes Gespräch vertieft war, hörte ich jene der anderen Vorbeispazierenden.

  1. Thema Nummer 1 war: sich etwas oder nichts oder zumindest weniger gefallen lassen. In verschiedenen Zusammenhängen. Das liken wir.
  2. Gesprächsthema Nummer 2 war die Schule, ein junger Mann sagte zu Verwandten: „Ich wurde maturiert“ (ob von Schule, Eltern oder Lockdown bleibt ungewiss).
  3. Thema Nummer 3: Kleidung und Ausrüstung. Ein Vater rief entsetzt laut vorne gehender Teenie-Tochter zu: „Hast du gar nichts an unter der Leggings??!“
    Doch auch erwachsene Kinder wurden von den Eltern blamiert, nicht nur kindliche Kinder. Ein Mann, der stolperte, als er mich sah und sich dann von der Familie absonderte, um sich auf die Bank neben mich zu setzen, wurde – so schnell konnte er gar nicht schauen – von dieser eingeholt und umzingelt. Die Mutter begann ein Loblied auf den Tee oder Saft zu singen: „Die ist toll, die Thermosflasche, also da bleibt das so lange heiß, toll. Das ist mit Apfel. Willst du das? Schmeckt dir das? Mmm … das ist der gute Sirup, willst du das?“ Der Sohn grunzte indigniert als Antwort und sein Bruder grinste breit, während der Vater eifrig drei verschiedene Wege zum Weitergehen vorschlug („über Nußdorf ist es besonders sonnig“) mit allen Vor- und Nachteilen der verschiedenen Optionen.

Die Sonne war wirklich stark. Das Problem der peinlichen Sonnen-/Skibrillen-Waschbären-Abdrücke ist diesen Winter dank der Masken geringer, die eine hübsche Ergänzung zur Gesamtvermummung bilden.

Und nach dem Spaziergang kann man sich im Anker (wirklich, das Schild lautet so) ein „Kukuruz-Weckerl“ um EUR 1,05 kaufen. Für jene, die diesen Dialekt nicht beherrschen: Kukuruz ist Mais in vielen Teilen Österreichs und teilweise auch Süddeutschlands und wird schriftlich selten verwendet. Es kommt von serbisch kukuruz (wiederum ursprünglich möglicherweise lautmalerisch Hendl-lockend, das ist allerdings nicht bewiesen.) Wer nun Gusto auf eine Kukuruz-Suppe (allerdings bestimmt nicht ganz so schmackhaft wie die in Mexiko) bekommen hat und etwas zur Geschichte lesen möchte (die wieder etwas anderes als ich behaupte), findet hier das Rezept.

Wir sind nun am Ende dieses Eintrags und fast des Jahres angekommen. Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr und hoffe, auch ihr habt „hairliche Geschenke“, wie kürzlich ein Friseur warb, erhalten. In Wahrheit mussten alle Friseure und körpernahen Dienste (das klingt immer sehr aufregend) wahrscheinlich wegen ausgehender Wortwitze zusperren. Eure Haare und körpernahen Regionen werden wohl erst wieder Ende Januar andere Menschen sehen.

Auf ein besseres 2021. Prosit und alles Liebe!

PS: Wer glaubt, nur in seinem Land wären die Lockdown-Regeln verwirrend, kann hier ein farblich lustiges Beispiel unserer Nachbarn auf weihnachtlicher Tischdecke mit verschiedenfarbigen Ampeltagen (sie beziehen sich auf Gastronomie und Reisefreiheit in- und außerhalb der eigenen Gemeinde) bestaunen, wir freuen uns schon auf den 4.1.:

IL CALENDARIO
Wer dieses schöne Lied vermisst … 😉

Der rote Fuchs und das Unaussprechbare

Von sprichwörtlichen Tieren und archaischen Tabu-Wörtern

Wie ich in meinem Beitrag Razzia im Beisl, schreibt auch jemand in der heutigen Sonntags-Kolumne im Kurier über den nicht-scheuen Fuchs in Schönbrunn (zoolos), der gemütlich neben den Spaziergehenden herumgeht. Er ist berühmt, wie mir scheint.

Ich wurde kürzlich von einem US-Amerikaner (Brasilianer sind auch Amerikaner, nur eben andere) darauf aufmerksam gemacht, dass das Deutsche sehr viele Sprichwörter und Redewendungen aus Natur und Landwirtschaft bietet. Der hat wohl einen Vogel, dachte ich sofort.

Dazu vorab eine Frage: Wenn etwas nicht klappt oder ihr bemerkt, dass morgen schon wieder Montag ist, wurmt es oder fuchst es euch?

Der Fuchs hat es also im Deutschen sogar ins Verb geschafft. In Adjektiven ist er auch zu finden, wie zum Beispiel in fuchsteufelswild. Er wird also mit Ärger und Schläue (schlau wie ein – alter – Fuchs) verbunden, weshalb man den Fuchsjungen oder das Fuchsmädchen aus Schönbrunn vielleicht nicht auf die (Weihnachts-)Palme bringen sollte.

Beliebt ist auch die Beschreibung „wo sich Fuchs und Hase ,gute Nacht‘ sagen“ (auch in der Variation einer älteren Redensart, wahrscheinlich, weil es damals auch noch mehr gab, die lautet: „wo die Wölfe einander ,gute Nacht'“ sagen). Genau dort, wo also nicht „der Bär los“ ist.

Wenn man von einem Thema mäßig begeistert ist oder lieber keine Lösung finden möchte, kann man auch sagen: „Danach kräht in ein paar Tagen kein Hahn mehr“, und „Das ist sowieso für die Katz/den Hugo“ (Oder gleich im Dialekt: … de Fisch!)

Was mir bei dem Wetter aktuell einfällt, ist das schöne Verb einigeln. Nach ein paar Stunden oder Tagen muss man aber irgendwie trotzdem wieder hinaus. Einige gehen, ganz entsprechend der neuen Corona-no-Punsch-no-more-Regel in Österreich, mit einer Thermosflasche bewaffnet spazieren. In dieser ist meistens nicht (nur) Tee sondern Haselnussschnaps, Wichtelschnaps, Rum und Sonstiges zu finden. Man muss gestehen: Angeheitert sehen die Weihnachtslichter der Stadt und die anderen Herumirrenden (unentschlossen zwischen Weihnachts-Stress und Lockdown-Langeweile) doch noch netter aus.

Wenn jemand fragt oder euch zur Schnecke machen will: Bindet ihm einen Bären auf und schwärmt vom wärmenden Früchte-Kräuter-(Willi)-Tee im Becher oder in der Thermosflasche. Wer auf den Kater am nächsten Tag lieber verzichtet, kann sich auch bei einer der hippen Bäckereien für teures, sehr gutes Brot stattdessen anstellen oder gar vor der Buchhandlung.

Sei kein Frosch!

Der Bär kommt übrigens bei uns recht häufig sprichwörtlich vor. Die frequenteste Tierbezeichnung im Deutschen ist Überraschung (ich mag Überraschungen) „Bär“, in den BKS-(Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) Sprachen ist es „pas“ (Hund).

Doch das war nicht immer so. Die meisten der europäischen Sprachen gehen auf das Indoeuropäische zurück und der Bär ist eines der beliebtesten Beispiele für das archaische Sprachtabu. Der Aberglaube verbot die Nennung des Tiers, um es nicht herbeizurufen (wer „The Revenant“ mit Di Caprio gesehen hat, weiß auch, warum). Der uralte indogermanische Namen lautete arsa, lateinisch ursus: Wie heutzutage in den romanischen Sprachen und Sternbildern zu finden.

Die germanischen Sprachen führten wegen diesem Tabu einen anderen Namen ein: althochdeutsch bero, mittelhochdeutsch ber. Bär bedeutet wahrscheinlich einfach „der Braune“.

Auch die Slawen hatten ein ausgeprägtes Bären-Tabu. Deshalb wurde der zottlige Bär als Honigesser (ursprünglich medú jed) umschrieben und heißt heutzutage auf Serbisch medved, auf Kroatisch/Bosnisch medjved.

Doch das Tabu hat sich (wahrscheinlich aufgrund bärenfreundlicher Umstände) länger gehalten. Denn man sagt in den BKS-Sprachen weiterhin nicht, wie im Deutschen, „stark wie ein Bär“ sondern lieber „stark wie ein Wolf“ oder „stark wie ein Stier“.

Nach dem Ausflug in die Sprachgeschichte (Schüler würden vielleicht sagen: keinen Bock!) etwas vielleicht Spannenderes zum Thema Tabu. Ihr fragt euch: Was zum Geier? Gut, ich lasse die Katze aus dem Sack:

Das männliche Geschlechtsorgan wurde in mehreren indoeuropäischen Sprachen tabuisiert und das Glied genannt, also möglichst neutral als eine Extremität bezeichnet. (Falls sich einige bereits über die deutsche Bezeichnung gewundert haben.) Über neue Bezeichnungen gehe ich an dieser Stelle nicht ein, sie dürften überaus bekannt sein.

Apropos Tiersprichwörter: Bei der Überlieferung aus der Bibel klappte etwas nicht, weshalb nun Kamele statt Schiffstaue durch das Nadelöhr spazieren. Das finde ich aber nicht schlecht, sie geben ein viel schöneres Bild ab.

Auch die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind schöne Bilder, die es zu wünschen gilt.

Gute Nacht!

Du likest Weihnachten?

Von un-weihnachtlichen Werbungen, un-kultigen Kultursendungen und davon, was auch in anderen Sprachen alles kaputt gehen kann

Ob im Radio (ich höre seit Jahrzehnten fast nur Gerda Rogers‘ Sternstunden, bei denen es zum Glück keine Werbung gibt) oder vor YouTube-Videos: Werbesprüche erreichen unsere empfindlichen Ohren.

Leider auch diese zwei Perlen, bei denen es nicht hieß „Bei einem Ohr ‚rein, beim anderen raus“, sondern: *graus*. (Ihr verzeiht die ö3-Chattersprache passend zum Thema.)

„Du likest Weihnachten? Du likest Online-Shoppen?“

Sowohl inhaltlich (Weihnachten => Online Shoppen, liebreizend) als auch sprachlich (Social-Media-Denglisch) versetzt mich diese Werbung nicht ins adventhafte Frohlocken.

Ähnlich anspruchsvoll und ansprechend fand ich auch die nächste Werbung:

„Schön ist, wenn wir daheim auch zu Hause sind.“

Sollte es zu Hause auch daheim heißen? Kann man daheim (nicht) zu Hause sein? Oder eher zu Hause nicht daheim?

Zumindest wurden keine Anglizismen randomly hineingeworfen.

Während einem meiner Lockdown-Spaziergänge mit einer Freundin, die Englisch unterrichtet (expert), versuchten wir, festzustellen, wann Anglizismen stören und wann sie unsere Sprache bereichern. Es trifft, und das gilt für alle Sprachen, das zu, was auch kürzlich ein Germanistikprofessor zu dem Thema sagte: Wenn es keine (passende) deutschsprachige Entsprechung gibt. Das heißt: Wenn uns das Wort in unserer Ausdruckweise bereichert. Das ist natürlich teilweise subjektiv. Aber „Ich muss ‚was announcen.“ und „Likest du Weihnachten?“ ist nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv grässlich.

Es gibt aber auch Erheiterndes in den Medien. Wie der Postillon-Artikel entrüstet zum Thema korrekte Sprache satirisch betitelte: „Weihnachtsreifen heißen jetzt plötzlich Winterreifen.“

Englisch. Die meisten werden während des Schulunterrichts mit der listening comprehension gequält worden sein. Rauschen, Dialekte, Nuscheln, Straßenlärm, Sich-gegenseitig-Unterbrechen und schnellgesprochene Halbsätze: eine etwas zu authentische Hörsituation. Der Traum eines jeden Lernenden. Doch ich kann jene, die ein Trauma davongetragen haben, beruhigen: Es ist nicht besser geworden. Die Qualität ist dank der neuen Medien zwar besser, zu leise aber meist immer noch. Und die Fragen wurden dafür umso verstörender. Bei den letzten eigenen Sprach-Prüfungen hatte ich das erneute Vergnügen mit dieser Foltermethode.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Taiwanesisch-Lerner. Sie hören bei der Prüfung ein taiwanesisches Radiointerview. Der Befragte, ein Experte für Landwirtschaft, erzählt von siebzehn Schafen auf einer Weide (Sie klopfen sich stolz auf die eigene Schulter, das Vokabel Weide wurde verstanden, check), die im Herbst in die Stallungen geführt und vom Tierarzt untersucht werden.

Konzentriert und aufgeregt hören Sie dem sechsminütigen (klingt wenig, ist aber auf Taiwanesisch viel) Gespräch zu. Um rasch die Fragen dazu zu beantworten. Nun kommen die Fragen zu diesem Teil und sie lauten (wir denken konzentriert an die Schafe beim Tierarzt):

„Mit welchem Adjektiv würden Sie die dritte Frage des Interviewers beschreiben?“

„Könnte eine Kuh im Nebenstall gewohnt haben?“ (Es gibt nur eine richtige Antwort.)

und:

„An welche Romanfigur denkt der Landwirt bei seinem Lieblingsschaf nicht?“

Willkommen bei der Hörkompetenz und ich gratuliere hiermit allen Menschen, die je offizielle Sprachprüfungen ablegen mussten.

Deshalb ist auch das Telefonieren in der Fremd- oder Zweitsprache die schwierigste Art der Kommunikation. Körpersprache und Mimik fehlen und es gibt akustische Störfaktoren. Schon in der selben Muttersprache (= Erstsprache) kommt es oft zu Missverständnissen, wie uns in der Straßenbahn oft geräuschvoll und wiederholt mitgeteilt wird.

Deshalb gibt es zum Buchstabieren auch die Buchstabiertafel. Zum Ansagen der „bemmischen“ (böhmischen) Nachnamen zum Beispiel. Grundsätzlich gut, aber: Nur, wenn man die Tabelle kann oder weiß, dass sie existiert. Es wurde schon öfter von dem netten unterbezahlten Callcenter-Herren (ich gebe zu, es sind meist Damen) in Polen, Holzhausen oder vielleicht Mistelbach „Barbara Dora Victor Oran“ und ähnlich Sinnloses notiert.

Ein Freund schickte mir den Artikel „Buchstabiertafel wird geändert“. Ich war sofort dagegen. Wie alle, lese ich am liebsten nur Überschriften.

Ich mag nämlich grundsätzlich keine Veränderungen. Ich like sie nicht, wie man sagt. Auch nicht daheim und auch nicht zu Hause, was etwas völlig anderes ist.

Dann las ich aber doch nach und erfuhr, was ich nicht gewusst hatte, dass während der Nazi-Zeit die Buchstabiertafel geändert wurde und jüdische Namen ersetzt wurden. Mir kamen ehrlich gesagt Dora (wer heißt Dora? Dieser Fisch von Nemo?) und Nordpol (ich kenne höchstens einen Restaurantbesitzer mit dem Namen), beide D und N umranden meinen Nachnamen, immer schon komisch vor.

David und Nathan sind viel schöner und NAMEN, im Gegensatz zu Nordpol, Zürich und Co. Interessanterweise unterscheiden sich auch die Buchstabiertafeln von Österreich, Deutschland und der Schweiz untereinander (der Callcenter-Junge in Holzhausen hat also eine Ausrede).

Also: entweder nur Namen oder gleich Städte. Stadt-Land-Fluss spielende Freistunden-Schüler helfen gerne aus.

Mit Schülerinnen und Schülern lässt sich in großen Klassen gut spielen: Jede/r ist ein Buchstabe und sie stellen sich in der Reihenfolge der Wörter, die ein Kind tabellenbuchstabieren muss, auf. Kann auch mit Katzen, Wichteln, Pünschen oder Weihnachtsverwandten gespielt werden, falls genug vorhanden.

Während der Corona-Bestimmungen kommt es zu vielen Meldungen darüber, wie viele Feiernde zugelassen sind. Trost ist: es geht allen weltweit gleich. Letzte Woche las ich bei einer portugiesisch-sprachigen Freundin:

„Zu Weihnachten dürfen neun Leute ohne Probleme eingeladen werden.“

– Finde einmal neun Leute ohne Probleme.

Schön, dass der etwas belämmerte (Thema Schaf), aber trotzdem lustige Witz auf Portugiesisch und auf Deutsch geht: sem problema.

Aus dem Portugiesischen kommt übrigens sprachlich recht wenig, wir sind leider doch weit voneinander entfernt, aber etwas Bedeutsames: unsere Marmelade nämlich, pt. marmelo (Honigapfel/Quitte).

Doch auch die portugiesisch-sprachigen Länder haben nicht allzu viele Germanismen. Dafür aber den Hamster, o hamster. Wir haben auf Deutsch auch das Verb dazu: „hamstern“ – und im Corona-Jahr ganz ganz wichtig: Hamsterkäufe. (Würde ich jetzt zwei Hamster kaufen, wären es auch Hamsterkäufe trotz der niedrigen Hamsterzahl, was sich dann aber schnell ändern könnte.)

Coronasprache. Gestern stand im ORF-Teletext (grundsätzlich Lob für das Thema Sprache): „Corona verändert Wortschatz (haben wir hier bereits festgestellt). Kein anderes Thema hat den Wortschatz heuer derart stark geprägt. 1.000 neue Wörter und Wortverbindungen hat das Leibnitz-Institut für deutsche Sprache gesammelt.“ Sehr interessant! Eigenartig finde ich den Zusatz „heuer“, wichtiger wäre doch der Vergleich zu anderen Jahren und Ereignissen.

Welche Sender schauen wir außer ORF? Arte. Arte? Arte hat den Ruf, ein Kultursender zu sein. Kürzlich starb Diego Maradona. Also sendete Arte zwei Reportagen dazu. Ich habe nur einen kurzen Teil der ersten aus dem Jahr 2006 gesehen. Mich überkam ein ähnlich warmes, behagliches, wohlig schönes Gefühl wie bei dem Liken von Online-Shoppen. Ein „lustig-zynisch-keine-Beziehung-zu-Fußball-habender“ Sprecher sagte zu Maradonas Erfolg bei Napoli:

„Endlich haben die einfachen Süditaliener, die Terroni

– wortwörtlich Erdmenschen/Erdfresser, diskriminierender Begriff, verwendet von Norditalienern der ganz rechten Seite, nicht die rechte Seite am Fußballplatz ist gemeint (kann im Spaß als Schlagabtausch zwischen Italienern vielleicht verwendet werden, das war’s dann auch) –

… jemanden zum Anhimmeln gefunden.“

Danke Arte für diese kulturell tiefschürfenden Erkenntnisse. Sie erinnern an eure großartige, geschmackvolle „Love Rituals“-Reihe mit der gebildeten Kultur- und Sexexpertin Charlotte Roche in Israel, Japan und anderen Ländern.

Es ging beim Thema Maradona noch weiter. Thema Gewalt am Fußballplatz:

„(…) Gewalt, die für Südamerika, wo Armut und Chaos Hand in Hand gehen, so typisch ist.“

Ein schönes sprachliches Bild, in dem Armut und Chaos Hand in Hand gehen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.

Ich gehe auch gerne Hand in Hand mit dem Chaos, hebräisch balagan, das seinen Ursprung übrigens wiederum in der mittelalterlichen Unterhaltungsform der Commedia dell’arte hat.

Zu guter Letzt ein erheiternder Germanismus im Englischen, den ich netterweise erhalten habe. Ich finde übrigens natürlich, es gibt auch schöne Anglizismen im Deutschen.

„The washing machine is suddenly kaput.“ 🙂

Oder auch: „Her marriage went kaput.“

Ganz selten lässt sich sogar das Wortbildungsprodukt kaputness finden! Great.

„The latest celebrity schism moved further toward official kaputness when Carmen Electra filed for divorce from rocker Dave.“

Gerade in enden-wollenden Beziehungen (zwischenmenschlich oder mit Waschmaschinen) dürften sich kaput und die kaputness bewähren.

Kurz vor dem Ende: Falls es hebräisch-studierende Japanologen unter euch gibt: Ich hörte in der Serie das Wort muzukashii (難しい), schwierig, auf Japanisch und es erinnerte mich sehr an hebräisch schwierig: kashe (קָשֶׁה).

Woraufhin ich mich in spannenden Blogs zur japanischen Sprache verlor und sah, es gab vielleicht (wenig aber doch) Einflüsse aus dem Hebräischen. Ob es Zufall oder Verwandtschaft ist?

Ich werde es wohl nie erfahren. Ich habe dafür aber sehr interessante Seiten zu dieser aufregenden Sprache gefunden, falls jemand in Nach-Lese-Stimmung ist:

Ein Blog zum Japanisch- und Kanji-Lernen.

Die Japantimes zum Thema Sprache,

und: Judaism & Japanese Culture, und noch ein Blogeintrag zu allen Ähnlichkeiten und dieser Theorie.

Ich hoffe, ihr habt die heutige Lektüre geliket. Geliked. Geleikt. G’leigt … und wünsche eine wunderschöne Woche.

Barbara Berta Anton Richard

Tokio 2019