In Coronazeiten werden wir zu ‚middle-aged hausfraus‘

Ich erinnere mich an den März dieses Jahres, als ein Mitglied von Universitas, eine Übersetzerin und Rechtschreib-Trainerin (mit einem interessanten Blog zum Thema Rechtschreibung), ein Webinar gehalten hat.

Beim Thema Zusammenschreibung ging es um Wörter wie Coronakrise vs. Corona-Krise. Darüber gibt es im Deutschen Folgendes zu sagen:

Zusammenschreibung ist möglich und erwünscht. Und heutzutage zu selten. Durch den Einfluss der englischen Sprache bzw. der pseudo-englischen Werbesprache glauben immer mehr Menschen, man könne zusammengesetzte Wörter (meist Substantive) als Wörter nebeneinander und ganz ohne Bindestrich schreiben. Was teilweise nicht einmal in der englischen Sprache richtig wäre.

*Computer Anleitung, *TV Geräte, *Marketing Anfragen usw.

Germanistisch Interessierte oder Menschen mit ausgeprägtem Sprachbewusstsein weinen meist kurz oder sehen geschockt weg. Für uns sieht eine solche Aneinanderreihung aus wie:

Salat Schirm Kakadu Presse Konfe… (-renz hättet ihr gerne) …tti

Gut, wir sind also für Zusammenschreibung. Bei der Form gibt es manchmal aber die Notwendigkeit der Bindestriche: die bessere Lesbarkeit. Bei mehr als drei (Wort-)Teilen empfiehlt sich die Bindestrichschreibung. Außer natürlich genau hier bei ‚Bindestrichschreibung‘ – ich bin wahrlich sehr überzeugend – weil Bindestrich als ein Wort wahrgenommen wird.

Man vergleiche: Vorweihnachtszeitwichtel und Vorweihnachtszeit-Wichtel oder Konfettifaschingsfeier und Konfetti-Faschingsfeier.

Apropos(ito): Die Italienischsprachigen sagen übrigens zu Konfetti nicht Konfetti (wie auf Deutsch, Englisch, Schwedisch usw.) sondern ‚coriandoli‘. Denn ‚confetti‘ gibt es auch bei Faschingsfeiern und Hochzeiten. Sie sind aber Konfekt (aus Mandeln und Zuckerguss). Eine Verwechslung ist allerdings nicht so tragisch, bei Feiern darf beides verschenkt, in die Luft geworfen oder gegessen werden.

Zurück zur Schreibweise.

Genauso schreibt man auch bei ungebräuchlichen Wörtern Zusammensetzungen mit Bindestrich. Leider wurde Corona dieses Jahr sehr gebräuchlich, was zwar die Wortbildung produktiv, das Sozialleben eher unproduktiv machte.

Deshalb kann ich 2020 problemlos „Coronazeiten“ schreiben. Bei Coronakochen wird es schwieriger, hier empfiehlt sich „Corona-Kochen“. Oder gleich bestellen ;).

Schön und gut. Was hat es jetzt mit den ‚hausfraus‘ auf sich?, fragen sich jetzt einige entnervt. Wir kommen gleich dazu … fast gleich.

Dank meinem Blog bekomme ich von lieben Bekannten momentan Zusendungen mit Beispielen, was mich sehr, sehr freut! Und ich bitte um weitere Wörter und Sätze.

A) Das Wort ’schadenfreude‘ ist ein Germanismus im Englischen. Das wundert mich jetzt (nicht). Böse Zungen würden behaupten, sie sei typisch für Deutschsprachige. Das kann ich keineswegs bestätigen. Deutsche Fußballfans umarmen sich lange und küssen einander lachend mit Tränen in den Augen, wenn am Feld der Gegenspieler vor dem Tor danebenschließt. Sie würden nie hämische Kommentare äußern oder „Jawollllll!/Genau!/Harhar!“ herauspressen und dabei Schadenfreude empfinden.

B) Eine spannende Parallele, für jene, die sich das englische Wort für Mehl (so wie ich) nie merken: Auch das englische ‚mealy‘ heißt mehlig. Beide Wörter haben indogermanische Wurzeln, sichtbar auch im Lateinischen ‚molere’/malen. Das englische Wörterbuch steigert brav. Es zeigt an „Adjektiv“ und die Steigerungsformen ‚mealier‘ und ‚mealiest‘. Fraglich ist hier, in welchen kommunikativen Kontexten diese Steigerung auftritt. „Welcher ist der mehligste Kuchen?“ „Haben Sie noch mehligere Müller?“

C) Unter dem Mehl bzw. Getreide liegt übrigens der Hund begraben. Eine weitere Zusendung kommt aus dem Schloss Heidenreichstein. Hier wurde meiner Zusenderin bei der Burgführung erklärt, der Ausdruck „auf den Hund kommen“ rührt daher, dass zur Bewachung/zum Schutz auf den Boden der Truhen ein Hund gezeichnet wurde. War das Getreide aufgebraucht, ist man auf den Hund gekommen.

D) Sehr zum Lachen brachte mich ‚hausfraus‘ – ein lustiger Plural mit -s zum Germanismus. Er stammt aus einem Buch mit Horrorgeschichten in englischer Sprache. Aus der Geschichte Mefisto in Onyx von Harland Ellison:

„And only then, innocent of anything but decency and rare human compassion, did Henry Lake Spanning begin to understand what it must look like to middle-aged hausfraus, sneaking around dumpsters to pilfer cardboard boxes, who see what they think is a man murdering an old woman.“

Und an manchen Tagen dieser Coronazeit fühlen wir uns doch alle wie middle-aged hausfraus der Vorstädte.

Nächstes Mal geht es unter anderem um eine Vielleicht-Freundschaft zweier Wörter aus den Sprachen Japanisch und Hebräisch und das Problem der sprachlichen Vielleicht-Freund-/und/oder-Verwandtschaften. Zum Thema Englisch und Japanisch empfehle ich den Fans der Thriller und interkulturellen Geschichten die japanisch-britische Serie Pflicht/Schande, im Original: Giri/Haji. ありがとうございます。(Danke.)

… für Ihre/eure Lesezeit und bis nächste Woche!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: